Die 8 Siloprobleme – Kernfluss (Teil B)
Warum Kernfluss bestehende Probleme weiter verschärfen kann
Kernfluss ist eine der häufigsten Fließformen in industriellen Silos. Dabei bewegt sich das Schüttgut ausschließlich im zentralen Bereich des Silos, während die Randzonen nahezu unbewegt bleiben.
Auf den ersten Blick scheint der Austrag zuverlässig zu funktionieren – tatsächlich entstehen jedoch schleichende Probleme, die den Anlagenbetrieb langfristig beeinträchtigen.
Im zweiten Teil der Betrachtung zum Kernfluss liegt der Fokus auf den praktischen Auswirkungen im laufenden Betrieb.
Denn Kernfluss ist kein kurzfristiges Störereignis, sondern ein Zustand, der bestehende Siloprobleme verstärkt und neue Risiken erzeugt.
Was bedeutet Kernfluss im laufenden Betrieb?
Kernfluss beschreibt einen Entleerungszustand im Silo.
Bewegungszone
Es bildet sich ein aktiver Fließkanal (Trichter) im Zentrum des Schüttguts aus, der sich von der Auslauföffnung bis zur Bettoberfläche erstreckt.
Tote Zonen
Das Schüttgut, das sich an den Silowänden befindet, bleibt unbewegt liegen und nimmt nicht am Fließprozess teil.
Erst-rein-zuerst-raus-Prinzip verletzt
Da nur das Material im Zentrum abfließt, tritt das zuletzt eingefüllte Gut zuerst wieder aus dem Silo aus (Last-In-First-Out).
Warum ist Kernfluss problematisch?
Kernfluss führt zu einer Reihe von prozesstechnischen Schwierigkeiten:
Qualitätsverlust
Da das Material in den toten Zonen an den Wänden verbleibt, kann es dort verderben, verklumpen oder sich dauerhaft festsetzen.
Unkontrollierte Entmischung
Beim Abzug des Materials aus dem aktiven Kern kommt es verstärkt zur Entmischung der Partikelgrößen, was die Produktqualität negativ beeinflusst.
Eingeschränkte Nutzkapazität
Durch die bleibenden Materialablagerungen an den Wänden kann das effektive Lagervolumen des Silos deutlich sinken.
Die entscheidenden Faktoren: Wandreibung und effektive Reibung
Um ein Silo so zu gestalten, dass das Schüttgut gleichmäßig fließt (Massenfluss), müssen zwei physikalische Größen präzise ermittelt werden: der Wandreibungswinkel und der effektive Reibungswinkel.
1. Der Wandreibungswinkel
Die Wandreibung beschreibt den Widerstand zwischen dem Schüttgut und der Oberfläche der Trichterwand.
- Messmethode: Das Schüttgut wird mit einer konstanten Geschwindigkeit über eine Probe der Wand-Oberfläche verschoben
- Parameter: Dabei wird eine vertikal wirkende Normalspannung eingestellt und die benötigte Schubspannung gemessen.
- Ergebnis: Das Verhältnis dieser Spannungen ergibt den Wandreibungswinkel, der maßgeblich bestimmt, wie steil ein Trichter sein muss
2. Der effektive Reibungswinkel
Auf Basis dieser Messwerte, die typischerweise mit einem Schergerät (z. B. nach Jenike oder Schulze) ermittelt werden, erfolgt die eigentliche Massenflussauslegung.
- Berechnung der Trichterneigung: Anhand der gemessenen Reibungswinkel wird der Grenzwinkel für Massenfluss bestimmt
- Sicherheitszuschlag: Um Schwankungen in der Materialbeschaffenheit oder Wandrauigkeit auszugleichen, wird in der Praxis ein Sicherheitsabschlag von meist 3° auf den berechneten Grenzwinkel vorgenommen
- Trichterform: Die Auslegung berücksichtigt, ob es sich um einen konischen Rundtrichter oder einen keilförmigen Schlitztrichter handelt
Warum dieser Aufwand?
Nur wenn der Trichter steil und glatt genug ist, rutscht das Schüttgut direkt an der Wand entlang. Dies verhindert:
Tote Zonen in denen Material verdirbt oder festbäckt
Unkontrollierte Entmischung beim Abzug
Instabile Fließzustände wie Schießen oder Silobeben
Fazit: Kernfluss ist ein schleichendes Risiko
Eine verfahrenstechnische Siloauslegung ist keine Schätzung, sondern basiert auf exakten Schermessungen. Nur so lässt sich der problematische Kernfluss dauerhaft ausschließen.